Stadt und Land in Angst

Wenn die Pariser Bevölkerung nicht mehr rebelliert, nicht mehr mit gereckten Fäusten demonstriert, dann stimmt etwas nicht mehr. Im Januar waren nach den Charlie-Hebdo-Anschlägen (17 Tote) vier Tage später allein in Paris weit über eine Million Menschen auf die Straße gegangen. Jetzt sind 130 Opfer zu beklagen und die Hauptstädter ducken sich vor dem nächsten Schlag, hängen noch wie groggy in den Ringen, pausieren. Auch Hemingways Leitspruch, Paris sei ein Fest, bittet um Auszeit.

Zusammenhalt

Meine Ehefrau, mit der ich seit über 30 Jahren verheiratet bin, deren Eltern Franzosen sind, erkenne ich in manchen Augenblicken nicht wieder, so sehr ist sie mit ihren Gedanken bei ihren Eltern, unseren gemeinsamen Verwandten und Freunden und dem was dort passiert ist.

Ja, diesmal hat es das Pariser Volk wirklich getroffen. Denn jetzt sind nicht vorgewarnte Satiriker, Juden oder Polizisten getroffen worden, sondern unbeteiligte Normalbürger, junge Konzertbesucher und Bistrobesucher, die eiskalt und methodisch niedergeschossen wurden, im Bataclan wie in einer Massenhinrichtung. Am vergangenen Wochenende war die Spannung in der Stadt so groß, dass die Passanten im Marais-Viertel wegen einer zerplatzten Birne in einem Bistro in panischem Schrecken davonrannten. Seither geht es Schlag auf Schlag.

Am Mittwoch konnten die Franzosen live die Kriegsszenen des Sturmangriffs auf eine Terroristenbude in Saint-Denis mitverfolgen. Am Freitag wurde das von der Air-France-Besatzung benützte Luxushotel Radisson in der französischen Ex-Kolonie Mali angegriffen (mindestens 21 Tote). Am Samstag war das frankophone Brüssel, nicht einmal eineinhalb TGV-Stunden von Paris entfernt, in höchster Alarmbereitschaft.

Die Angst hält Paris in ihren Klauen. Der Selbstmordanschlag war für Frankreich ein Novum, wie schon im Juni die Enthauptung eines Unternehmers bei Grenoble. Das kannte man bisher nur aus dem Fernen Osten. Premierminister Manuel Valls fragt sich gar öffentlich, ob die Terroristen bald chemische oder biologische Waffen einsetzen könnten. Zur Sicherheit trinken viele Franzosen kein Leitungswasser mehr.

Wie selbstverständlich, und in seltener politischer Einmütigkeit, hat das Parlament diese Woche den nationalen Ausnahmezustand bis im Februar verlängert. Die Folgen sind einschneidend. Salafisten und andere Radikalislamisten können nun mit Hausarrest belegt, ihre Papiere beschlagnahmt und ihre Computerspeicher kopiert werden. In mehr als hundert Fällen geschah dies offenbar schon; Genaues erfährt die Öffentlichkeit nicht. Sie stellt nur fest, dass hier eine Moschee geschlossen wird, dort ein Gebetsraum versiegelt. Seit Januar ist der Antiterrorplan Vigipirate bereits auf der höchsten Stufe (alpha rouge). Trotzdem scheinen die Dreierpatrouillen von Soldaten in Tarnanzügen und mit geschultertem Sturmgewehr in den Pariser Bahnhöfen noch zahlreicher geworden zu sein.

Pariser Soldaten

Man muss es sich vergegenwärtigen: Im Herzen des demokratischen Europa herrscht Ausnahmezustand, mit Polizeivollmachten, die nicht einmal mehr von der Justiz kontrolliert werden. Präsident François Hollande spricht ohne Unterlass von „Krieg“. Der Sozialist ist zweifellos der militaristischste und Bush-ähnlichste Präsident, den Frankreich in den letzten zwanzig Jahren gekannt hat.

Die Franzosen sind nicht revanchelüstern wie die Amerikaner nach „Nine Eleven“. Ihnen steht der Sinn nicht nach einem „Patriot Act“ à l’américaine; sie wollen weder Guantanamo, Waterboarding noch eine neue Irakkriegslüge, die alles nur noch verheerender machen würde. Der Ausnahmezustand setzt die demokratischen Mechanismen Frankreichs nicht außer Kraft, er sucht sie im Gegenteil abzusichern und zu retten gegenüber den jihadistischen Chaos-Verbreitern.

Das Arge daran ist eher, dass sich diese Terrorbruderschaften der Merahs, Kouachis und Abdeslams nicht allein sind. „Es gibt Tausende, die Frankreich hassen“, meint der Islamkenner Gilles Kepel. In der so genannten S-Fiche des französischen Geheimdienstes, in der 11 500 gefährliche oder gewaltbereite Personen figurieren, sind 4000 Radikalislamisten.

Hasna Ait Boulahcen

In der Fiche war nicht einmal Hasna Ait Boulahcen (Siehe oben), die Cousine des Pariser Chef-Attentäters. Sie war ein Partygirl, trank Alkohol, trug Jeans und die Haare offen, galt als leicht labil – und mutierte binnen wenigen Monaten zur Terroristin. Ein Nachbar erklärte den Journalisten lachend, nein, Hasna habe nie nur auch einen Buchstaben des Koran gelesen.

Das macht es nur noch schlimmer. Denn es bestätigt, dass es ein riesiges Reservoir aus Banlieue-Jugendlichen gibt, die sich über Nacht in brandgefährliche Jihadisten verwandeln können. Die über Nacht zuschlagen können. Frankreich wird sich dessen erst gerade bewusst. Das ist wohl der Hauptgrund für den zunehmenden Absatz von Beruhigungsmitteln.

Dann denke ich an die gemeinsamen Urlaube die ich mit meiner Ehefrau und meinen Kindern in Frankreich verbracht habe, wie wir gemeinsam in Paris vormittags in die Boulangerie ginen, um frisches Baguette zu kaufen, frühstückten und anschließend durchs Quartier Latin schlenderten oder einfach nur die Seine entlang.

Da frage ich mich, kommt das noch schlimmer und das nicht nur in Frankreich sondern überall in Europa und sehe gleichzeitig auch nur eine Lösung. Kein Geld und keine Waffe kann groß genug sein, um diese feigen verblendeten Anstifter dieser Terrorgruppen sowie sie selbst auszuschalten auch wenn ich jetzt wie Hollande klinge.

 

 

 

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Veröffentlicht von

Ostfrieslanduwe

Bevor man dann unter den Torf kommt, erlebt man einiges im Leben

7 Gedanken zu „Stadt und Land in Angst“

  1. Lieber Uwe, würdest Du bitte statt „Volk“ den Begriff „Bevölkerung“ wählen bzw. könntest Du den Begriff korrigieren? Ich bin gerade sehr sprachsensibel… und oft verabschiede ich mich von Freund*innen, mit „Lasst Euch nicht vervolken“und habe schon des öfteren darum gebeten, dass nicht mehr „Im Namen des Volkes“, sondern im Namen der Menschenrechte“ Recht gesprochen wird. G.L. Mosse hat ein Buch über die „völkische Revolution“ geschrieben. Und es wäre schön, wenn Du versuchst zu begreifen, was ich geschrieben habe. Am 3. Oktober diesen Jahres habe ich mich übrigens mit dem „Denkzettel“: „Das VOLK erschlägt den Menschen“ vor die Nazis in Berlin gestellt.

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    1. Da hätten wir gleich mehrere Dilemma. Meine Gattin ist zum ersten Schöffin und zum zweiten, was steht am Berliner Reichstag? Wie lauten die Worte bzw. eines Kanzlerz/in die bei der Vereidigung ausgesprochen werden? In diesem Sinne, nein, es spricht nichts dagegen das Wort Volk zu verwenden,aber ich ändere es, in Bevölkerung.

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  2. Hier noch ein interessanter Artikel aus „qantara“ zum Thema, allerdings mit Blick aus und auf Deutschland: http://de.qantara.de/inhalt/islamismusdebatte-nach-den-anschlaegen-von-paris-phantom-generation-allah
    In Deutschland haben sich nicht solche Banlieus gebildet. Trabantenstädte, die u.a. für sog. „Gast“-Arbeiter*innen samt proletarischen Baby-Boomern in den „Wirtschaftswunderjahren“ (der sog. „Fresszeit“ unter Erhardt) hochgezogen, wurden nach der 68er Revolte mehr durchmischt, um proletarische Organisierung zu verhindern. Dies insbesondere nach den „wilden Streiks“ in der Automobilindustrie, die hauptsächlich von türkischen Einwander*innen organisiert worden waren. Ich kann mich an ein Sonderheft der „Autonomie Neue Folge“ zu genau diesem Thema erinnern, in denen diese „Durchmischung“ auch als „präventive Konterrevolution“ bezeichnet wurde. Leider gibt es aber nun den Effekt, dass einige „Plattenbausiedlungen“ zu Hochburgen der Rechten wurden. Dies wieder nicht auf Basis der Arbeiterschaft, sondern die Organisatoren der Rechten kommen alle aus Mittelstandsfamilien bzw. sind Kleinbürger, wie bekanntlich auch der Pegida-Chef Lutz Bachmann und die Nazis des letzten Jahrhunderts. Schon im letzten Jahrhundert wurde frühzeitig damit begonnen, die Arbeiter*innen-Bewegung zu liquidieren (Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht sowie Kurt Eisner waren die ersten prominenten Opfer), wodurch dann der Weg für die Nazis bereitet wurde.

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  3. „Das macht es nur noch schlimmer. Denn es bestätigt, dass es ein riesiges Reservoir aus Banlieue-Jugendlichen gibt, die sich über Nacht in brandgefährliche Jihadisten verwandeln können. Die über Nacht zuschlagen können.“

    Stell Dir mal vor, 11.000 Menschen in D-Land machen still und leise Suizid, weil sie diese Gesellschaft nicht mehr aushalten. Die Verzweifelung und Wut über die Menschenverachtung dieses Systems wächst und wächst und wächst.

    Wenn Du zu den Expropriierten gehörst, zum Proletariat und keine Geld hast, bist Du der letzte Dreck. Das beginnt schon in der Familie wenn Du noch ein Kind bist, für die Du eine Belastung bist. Der „Herr im Haus“ prügelt, die Mutter jammert. Also gehst Du auf die Straße, die durch Gangs aufgeteilt ist. Und in der Schule herrscht Leistungsdruck, auf den Du Dich wegen Konzentrationsschwierigkeiten nicht einlassen kannst und wirst zum „Versager“ gestempelt. Noch mehr Prügel und noch mehr Jammerei. Du sehnst Dich nach Bestätigung, dass Du doch „was wert“ bist.

    Dieser Terror-Jihadismus hat tatsächlich nichts mit Religion zu tun, sondern ist eine soziale und System-Frage.

    Ein gutes Buch zu Jugendgangs in Berlin: „Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude“ von Arye Sharuz Shalikar. Ich hatte viel mit solchen Jugendlichen zu tun. Mich akzeptierten sie. Wenn man nett und höflich zu ihnen ist, sind sie bezaubernd. Einmal allerdings hat mich eine Gruppe in einem anderen Stadtteil über den Fussballplatz gehetzt, weil sie mich für eine Lehrerin gehalten haben. Ich bin dann am nächsten Tag wieder hin und habe mich bei ihnen dafür entschuldigt, dass ich sie dumm angequatscht habe und ihnen versprochen, dass ich sie in Zukunft zunächst fragen werde, ob ich sie störe, wenn ich auf ihrem Platz auftauche. Und dann war alles okay und sie haben mich geliebt.

    Allerdings kam einmal eine Muslima an, die mir verbieten wollte, mit den Kids über „Evolution“ zu sprechen. Dabei wurde ich von einem Knirps in einer Kinderversammlung gefragt, ob ich an Gott oder an die Evolution glaube. Mit der Muslima habe ich gestritten und ihr gesagt, dass sie mir solche Gespräche nicht verbieten könne und dass ich schon wisse, wie ich mit Kindern kommuniziere. Ich habe auf die Frage geantwortet: „Ich finde, dass es dazu noch sehr viel zu forschen gibt. Und wer weiss, vielleicht ist ja sogar beides falsch oder auch beides richtig? Du siehst, ich ,kann Dir Deine Frage nicht so einfach beantworten. Dies aber auch, weil ich es ablehne, schnell mal irgendwas zu glauben.“

    Es gibt viele Kids, die extrem verunsichert sind, weil sie in der Schule ganz etwas anderes lernen, als im Elternhaus und in der Koranschule.

    Im Grunde müsste der einseitige Religionsunterricht – für alle Religionen – verboten werden. Statt dessen könnten und sollten Kinder allgemein über alle Gottesvorstelungen sowie Religionen der Menschheit bis zu ihrer Religionsmündigkeit aufgeklärt werden. Dass Eltern Kindern einfach eine Religion überstülpen, zeigt, wie wenig das Lebewesen Mensch geachtet wird. Kinder werden in Beug auf Religionen wie Leibeigene behandelt und staatlche Schulen in Deutschland fördern das noch.

    Gefällt 1 Person

    1. Alles das was Du oben schreibst, kann ich nur bestätigen. Das Problem ist nur, keiner will es verstehen. Das ist wie gegen Windmühlen kämpfen. Die sozialen Brennpunkte, ich nenne sie einmal so, sind überall vorhanden und da sehe ich eine der Größten Gefahren.Da hast Du wirklich einen lesenswerten Bericht verfasst. Meine Hochachtung.

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