Ein patriotischer Schub

Es dauerte zwölf Minuten lang, bis die Namen aller 130 Attentatsopfer des 13. November verlesen waren vom Attentat in Paris verlesen waren. Zwei Lautsprecherstimmen wechselten einander ab, Vornamen, Namen und Alter der Erschossenen zu nennen.

Trikolore Paris

Vor der Gedenkfeier hatte er seine Landsleute gebeten, Fenster und Balkone mit der rot-weiß-blauen Trikolore zu beflaggen. Vielleicht brauchten die Franzosen diesen „patriotischen Schub“, um den Schrecken zu überwinden.

Zugleich wählte der französische Präsident schon im ersten Satz deutliche Worte an die Adresse der „Horde von Mördern“, die einen „Akt des Krieges“ begangen habe: „Diese Bewährungsprobe hat uns schwer getroffen, aber sie wird uns stärker machen. Frankreich wird die fanatische Armee, die diese Verbrechen begangen hat, zerstören.“

Ob Trikolore, Marseillaise oder markige Worte des Staatschefs: Frankreich lebte schon immer mit – und zum Teil auch von – seinen nationalen Symbolen. Wegen der für die Republik so wichtigen Revolution des Jahres 1789 hat auch die Linke keine Berührungsängste damit.

Schaute man sich die Häuserfassaden an, drängte sich allerdings der gleiche, fast schon soziolo gische Befund wie bei den Charlie-Hebdo-Attentaten von letztem Januar auf: Ganze Banlieuezonen nahmen kaum an der Trikolore-Aktion teil. An den riesigen Wohnsilos der Immigrantenviertel prangte großenteils keine einzige Flagge. Doch auch andere Franzosen weigerten sich, Hollandes Appell zu folgen. Im Lokalblatt Le Parisien erklärte ein Beamter trotzig, er lasse sich von der Regierung nicht vorschreiben, was er zu tun habe. Eine 73-jährige Dame verwandte sich zudem gegen „den Eindruck einer politischen Vereinnahmung“.

In der Tat war die ganze Gedenkfeier im Hof des Invalidendoms ganz auf Hollandes Auftritt ausgerichtet. Der Sozialist erhielt, oder gab sich , als Einziger das Wort; alle anderen Politiker, Expräsidenten oder Parteichefs, darunter Nicolas Sarkozy und Marine Le Pen, hatten nur eine schweigende Statistenrolle. Der Präsident verbucht seit den Terroranschlägen ein Umfrageplus von sieben Prozent. An den beiden ersten Dezemberwochenenden finden in Frankreich Regionalwahlen statt, bei denen das Hollande-Lager dennoch mit einer Schlappe rechnen muss. In den Umfragen liegt der rechtsextreme Front National (FN) mit knapp 30 Prozent vor den konservativen „Republikanern“ mit rund 28 Prozent  und weit vor Hollandes Sozialisten mit 22 Prozent.

Wie immer das übliche Patriotismus-Gehabe in so einem Fall der natürlich politisch ausgeschlachtet wird. Wenn eine Nation scheinbar angegriffen wird, schart sie sich um ihre Führung.

Und schon steigen die Beliebtheitswerte des Präsidenten trotz massiven Versagen allerorts oder etwa der Rekordarbeitslosigkeit.

Bedenklich nur dass wir es zulassen dass unsere Trauer und wohl auch Wut politisch instrumentalisiert wird. Nicht nur um vom eigenen Versagen abzulenken, sondern auch um, sozusagen als angenehmer Nebeneffekt, Maßnahmen durchzusetzen die ansonsten undenkbar wären ( z.B. Einschränkung der Bürgerrechte).

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Veröffentlicht von

Ostfrieslanduwe

Bevor man dann unter den Torf kommt, erlebt man einiges im Leben

2 Gedanken zu „Ein patriotischer Schub“

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