Amerikas vor dem Sozialstaat

Der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf polarisiert wie selten zuvor und bietet das volle Programm. Ein ultrarechtskonservativer Donald Trump einerseits, der sich einen von Mexiko bezahlten Zaun bauen lassen will, keine Muslime mehr einreisen lassen möchte und mittlerweile – in seinen eigenen Worten – so populär ist, dass er auf offener Straße jemanden erschießen könnte, ohne Wähler zu verlieren. Auf der anderen Seite des Spektrums steht ein etwas älterer Herr namens Bernie Sanders, seines Zeichens Senator aus Vermont und die Hoffnung vieler für tiefgreifende Sozialreformen.

bs

Anfänglich noch als demokratischer Underdog belächelt und medial kaum präsent, sorgt Sanders mittlerweile bei seinen Auftritten für Zustände, die an Barack Obamas Kampagne erinnern. Das bringt die bei den Demokraten bis dato als Favoritin geltende Hillary Clinton immer mehr ins Schwitzen. Mit seinem Slogan „A political revolution is coming“ präsentiert Sanders ein sozialpolitisches Programm, das in europäischen Staaten gang und gäbe ist, in den Vereinigten Staaten jedoch wie ein Staatsputsch klingt: ein öffentliches Gesundheitssystem, da sich jeder leisten kann; kostenloser Zugang zu staatlichen Universitäten; eine Lohnsteuerreform, die die Mittelklasse entlasten soll; das Anheben des Grundeinkommens; das Schließen der Gehaltsschere zwischen den Geschlechtern; Reform der Wall Street.

Das kapitalistische Amerika kann mit solchen Ideen gar nichts anfangen, und mittlerweile sieht sogar der Chef von Goldman Sachs, Lloyd Blankfein, in Sanders eine ernstzunehmende Gefahr für die Wall Street. Auch die Durchschnittsamerikaner, die von Kindheit an gelernt haben, mehr auszugeben, als sie besitzen, und die es gewohnt sind, horrende Preise für Gesundheit und Bildung zu zahlen, scheinen oftmals mit dem Konzept eines Sozialstaats überfordert. Immer wieder fallen dann Begriffe wie Kommunismus und Sozialismus. Sanders‘ politische Agenda wird dann mit jener von Ländern wie China und Russland verglichen. So wird aus einem Sozialdemokraten schnell ein kommunistischer Reformator. Die Unfähigkeit vieler Amerikaner, mit Begriffen wie Sozialstaat, Sozialdemokratie, Sozialismus und Kommunismus umzugehen, verblüfft und erschreckt gleichermaßen, haben diese Begriffe doch nur bedingt miteinander zu tun. Ganz nach dem Motto „Wo ’sozial‘ draufsteht, ist ‚Kommunismus‘ drinnen“, zeigen viele Amerikaner eine oftmals unreflektierte Angst vor sozialen Reformen im eigenen Land, von denen zweifelsohne die meisten von ihnen profitieren würden. Selbst mancher Mainstream-Demokrat scheint mit Bernie Sanders überfordert und fühlt sich bei der etwas konservativ wirkenden Hillary Clinton in besseren Händen.

 

 

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Veröffentlicht von

Ostfrieslanduwe

Bevor man dann unter den Torf kommt, erlebt man einiges im Leben

Ein Gedanke zu „Amerikas vor dem Sozialstaat“

  1. Sanders hat keine Ahnung, wie er seinen Traum vom Sozialstaat für alle finanzieren soll. Die USA sind pleite. Obamacare ist gescheitert (nicht zuletzt aus dem Grund, weil jeder Bundesstaat von Washington weitgehend unabhängig und ein eigenes Sozialsystem hat). Unser tolles Sozialsystem bröckelt ja auch schon. Ich möchte da sicher nicht drauf verzichten, aber leisten kann man es sich schon lange nicht mehr, wie man an erhöhten Beiträgen und verringerten Leistungen sehen kann.

    Zu den Sozialreformen müssten Sanders und Co. auch die Medizin-, Behandlungskosten und Ausbildungskosten deckeln. Es gibt halt ein paar Bereiche in denen darf der Raubtier-Kapitalismus seine Finger nicht drin haben. (Eigentlich Raubtier-Kapital-Sozialismus, denn Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert – siehe Bankenrettung).

    Übrigens – immer mehr Amerikaner können was mit den Begriffen Sozialismus und Kapitalismus anfangen. Die häufigste Pflichtlektüre in Colleges und an Unis sind die Schriften von Marx – und das seit ungefähr 10 – 12 Jahren.

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