Zeit der Angst

Angst vor Flüchtlingen, Angst um den Arbeitsplatz, Angst vor dem Abstieg, wenn Politker und die Bürger dagegen etwas sagen, tobt das meist kleinbürgerliche Publikum vor Begeisterung, den es sind alles Nazis und Rechte, die Hasstiraden voll Halbwahrheiten, Lügen und Hetze loslassen.

Aber auch gemäßigte Angehörige der Mittelschicht sprechen nur noch mit einer Mischung aus Verzweiflung und Verachtung von den Regierenden. In den Internetforen brodelt es vor Hasspostings, abstrusen Verschwörungstheorien und apokalyptischen Zukunftsvisionen. Der gemeinsame Nenner ist Angst.

Angst

Die Einwohner der reichsten Gesellschaften auf diesem Planeten, die Nutznießer eines massiv ausgebauten Sozialstaates, die Zeitgenossen einer nie dagewesenen, jahrzehntelangen Periode von Frieden und Wohlstand haben Angst. Angst vor Flüchtlingen, Angst um den Arbeitsplatz, Angst um das Erreichte, Angst vor der Zukunft, Angst vor dem Abstieg. Diese Ängste haben eine nicht wegzuleugnende faktische Basis. Die Finanzkrise hat eine Wirtschaftskrise ausgelöst, die in Wirklichkeit noch nicht überwunden ist; die nicht konjunkturelle, sondern strukturelle Ursachen hat. Das spürt fast jeder – die alten Zeiten des Wachstums kommen zumindest in dieser Form nicht wieder. Und wenn die Konjunktur wieder anzieht, dann werden die Sparprogramme in den Unternehmen trotzdem weiterlaufen, weil sehr viele Arten von Arbeit zu teuer und oft überflüssig geworden sind. Am virulentesten ist die Angst-Hass-Stimmung in Schichten, denen es nicht so schlecht geht, deren relativ gute Position aber nicht so gut abgesichert ist. Oft sind es Nutznießer staatlicher Transferleistungen, die diese unbedingt zur Aufrechterhaltung eines gewissen Lebensstandards brauchen.

Menschen hatten schon immer Angst, außer ein paar Spirituelle, die die Angst als das sehen können, was sie ist, eine Illusion. Aber da derzeit nicht alle Menschen spirituell sein wollen, möchte ich folgendes Vorschlagen um ein Teil dieser vieler Ängste zu überwinden:

Eine Änderung der politischen Konfiguration auf der Erde. Eine Währung für alle und alle Geldtransaktionen werden offen gelegt. Mit der Offenlegung würde man sich a la longue viel Frust und Ärger ersparen sowie ein bedingungsloses Grundeinkommen, das allen einen Mindeststandard zum Leben garantiert.

Folter und Mord in syrischen Gefängnissen

Seit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien sind unter dem Regime Bashar al-Assads tausende Menschen einfach verschwunden. Was mit einer Verhaftung begann, endete in vielen Fällen mit dem Tod im Gefängnis. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat nun einen Bericht veröffentlicht, der die Geschichten von Opfern aus syrischen Regierungsgefängnissen erzählt.

baschar-al-assad

Acht Familien waren einverstanden, die Schicksale ihre Angehörigen öffentlich zu machen. Dem Bericht zufolge waren alle acht Zivilisten, darunter sechs Männer, eine Frau und ein 14 jähriger Junge. Manche hatten an Demonstrationen teilgenommen, andere waren als Menschenrechtsaktivisten oder für regierungskritische Positionen bekannt.

Human Rights Watch fordert, dass die syrische Regierung internationalen Beobachtern unverzüglich Zugang zu all ihren Hafteinrichtungen gewährt, sowie alle willkürlich verhafteten und politischen Gefangenen freilässt. Zudem sollten jene Staaten, die über mögliche Friedensverhandlungen mit Syrien diskutieren, das „Schicksal der Tausenden Gefängnisinsassen ganz oben auf ihre Agenda setzen“.

Meinung: Bei HWR weiß man auch nichts sicher. Ich bezweifle nicht, dass es auch in Syrien Tortur in Gefängnissen gibt, solche Fälle sind von glaubhaften Quellen berichtet worden. Die von HWR behauptete Anzahl ist höchst unwahrscheinlich, wenn man die verhältnismäßig geringe totale Anzahl der Gefängnisplätze in Syrien kennt, selbst wenn mit deutlicher Überbelegung während des Krieges zu rechnen ist. Von 6786 Totesfällen wurden ganze 27 „rekonstruiert“ und davon nur 8 veröffentlicht. Da kann man ja mit Fug und Recht sogar von „Einzelfällen“ sprechen. Es gab eine nicht näher genannte Zahl an toten syrischen Soldaten und keinen einzigen toten „Terroristen“ oder „Rebellen“. Für mich ist es ist halt schwer etwas zu glauben, wenn man von Regierungen, willfähigen (N)GOs und Medien zum Zwecke der Meinungsmanipulation schon etliche Male angelogen bzw. absichtlich desinformiert wurde und wenn ich schon beim Thema bin:  Wird in Guantanamo eigentlich auch Weihnachten gefeiert?

 

Islamexperte Khorchide: „Die muslimischen Vertreter vertuschen die Probleme“

Ein Fünftel der Muslime tendiert zur Abschottung, glaubt Islamwissenschafter Mouhanad Khorchide. Die islamische Gemeinde pflege ihre Opferrolle und Städte, Länder und Bundesländer schauen bei Kindergärten und Moscheen nicht genau hin. Khorchide will nicht pauschalieren, es sind nicht alle islamischen Kindergärten fundamentalistisch, die Betreiber haben unterschiedliche Motive. Manche wollen einfach gutes Geld verdienen, andere Raum für die eigene Religiosität schaffen, den es in anderen Kindergärten nicht gibt – damit Kinder nicht nur Weihnachten und Ostern, sondern etwa auch das Opferfest feiern können. Hinter einigen Kindergärten und Lerngruppen steckt aber die Motivation, muslimische Kinder vor der Gesellschaft abzuschotten. Und das ist gefährlich.

Khorchide

Die Muslime wollen ihre Kinder auch vor andersgläubigen Freunden aus der  nichtislamischen Gesellschaft schützen, die dem Vorurteil nach als moralisch verfallen gilt. Eltern sind mit der Vielfalt überfordert, haben Angst vor Pluralität und dem Fremden an sich. Die muslimischen Vertreter vertuschen die Probleme , weil sie Anspruch auf Exklusivität erheben: Gott gehört in ihren Augen nur dem Islam. Da werden Hierarchien im Namen Gottes hergestellt.

Khorchide hat keine empirische Studie, er Schätzt, dass etwa 20 Prozent der Muslime zur Abschottung tendieren. Auch geht er davon aus, dass in vielen Moscheen Problematisches gepredigt wird und das viele traditionelle Moscheen an Jugendliche gar nicht mehr herankommen. Der Imam ist oft schwer erreichbar, wenn er denn überhaupt Deutsch spricht. Das Angebot der Salafisten ist viel attraktiver: Ihre Missionare predigen nicht nur auf Deutsch, sondern beherrschen auch die kulturelle Jugendsprache, sind aktiv auf Youtube und Facebook. Viele muslimische Vertreter verfallen schnell in eine Opferrolle. Sie verlegen sich rasch auf Verteidigung um jeden Preis, reden alles weg und vertuschen damit die Probleme. Geht es um Terror und Salafismus, lautet die Reaktion oft: Dies habe ja nichts mit dem richtigen Islam zu tun. Genau dieses Argument macht den Menschen nur noch mehr Angst. Die Salafisten sind nun einmal Muslime, sie berufen sich auf den Koran und den Islam. Das kann man nicht einfach unter den Teppich kehren. Die Trennlinie läuft nicht zwischen Muslimen und Nichtmuslimen, sondern zwischen friedlichen und gewalttätigen Menschen.

muslime

Meninung von Mouhanad Khorchide (44), geboren in Beirut, ist Professor für islamische Religionspädagogik an der Universität Münster. In seiner Doktorarbeit an der Uni Wien, wo er mit Ednan Aslan zusammenarbeitete, zeigte er fehlendes Demokratieverständnis islamischer Religionslehrer auf. Seine liberale Islamauslegung brachte ihn ins Visier von Salafisten, er steht unter Polizeischutz und diese beiden Sätze aus dem Beitrag regen zum nachfragen an, jedenfalls mich:

„Vor der nichtislamischen Gesellschaft, die dem Vorurteil nach als moralisch verfallen gilt. Eltern sind mit der Vielfalt überfordert, haben Angst vor Pluralität und dem Fremden an sich.“
1. Warum sind diese Menschen dann bei uns?
2. Muslime haben offenbar das Recht sich „von dem Fremden“ zu fürchten. Alle anderen werden bekanntlich ins rechte Eck geschoben

 

 

Savoir vivre die Lust zu leben

Die Lebenslustigen von Paris sind durch ein radikales Gegenmodell zu unserem Lebensstil umgebracht worden, die Terroristen haben junge Menschen ins Visier genommen,  die Freude, den Flirt und das Savoir-vivre feiern wollten. In der Wahnwelt der geistigen Hintermänner des IS (die eigentlichen Attentäter waren eher unbedarfte Versagertypen) waren sie alle Götzendiener, gottlos und Ungläubige. Daher todeswürdig.

Dem Argument, das alles habe mit dem Islam nichts zu tun, wird inzwischen von immer mehr Islamwissenschaftern, darunter auch muslimischen, widersprochen: Die islamische Öffentlichkeit müsse anerkennen, dass in den muslimischen Gemeinschaften ein massives Sektenproblem herangereift ist. Ein anderer macht darauf aufmerksam, dass die Grausamkeiten des IS durchaus mit der islamischen Gesellschaft vereinbar seien, allerdings mit der des siebenten Jahrhunderts. Die jungen Lebenslustigen von Paris sind durch ein radikales Gegenmodell zu unserem Lebensstil umgebracht worden. Diese Lebensart wird siegen, wie sie schon über andere totalitäre, menschenfeindliche Ideologien gesiegt hat, den Nationalsozialismus und den Sowjetkommunismus. Aber es wird Opfer kosten, wieder einmal.

Peace-Paris

Im IS ist der Absolutheitsanspruch einer wahnhaften Ideologie – also Weltdeutung – klar sichtbar und die Verachtung für alle vergangenen und konkurrierenden aktuellen Kulturen, dazu gehört auch die Sinngebung durch Gewalt und das Töten als Mittel zur Durchsetzung.

Trotz all dem sollten wir diese Erscheinung nutzen um zu hinterfragen, ob all unsere Varianten der Deutung von Freiheit auch sinnstiftend sind und ob diese Lebensart überleben wird, könnte auch gefährliches Wunschdenken sein. Die Geschichte hat gezeigt, dass ein Sieg „dieser Lebensart“ keineswegs garantiert ist. Oft genug haben die, na nennen wir sie mal vereinfachend kollektiv, „Barbaren“ gesiegt, und dann war es mal wieder finster für einen nicht unwesentlichen Zeitraum.

Und warum es gefährliches Wunschdenken ist? Weil eines der größten Risiken zu unterliegen ergibt sich daraus, dass man sich arrogant in der Vorstellung der absoluten Überlegenheit suhlt und sich des eigenen Sieges absolut sicher ist.

Anti-Terror Einsätze in Brüssel

Schulen und Universitäten geschlossen – Metro fährt weiter nicht – Brüssel gleicht einer Geisterstadt. Die Regierung hat den Ausnahmezustand verhängt, weil in der Gaststadt für EU und Nato Selbstmordanschläge der Attentäter von Paris drohen.

Im Zentrum von Brüssel hat die Polizei am Sonntagabend mehrere Anti-Terror-Einsätze gestartet. Einsatzkräfte hätten einen Sicherheitsring um die Rue du Midi in der Innenstadt errichtet, meldete die belgische Nachrichtenagentur Belga. Nach Angaben des belgischen Rundfunks RTBF waren Polizeieinheiten auch im Stadtteil Etterbeek aktiv.

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Ich lese nicht mehr weiter, ich nörgel lieber. Heute schränken wir die Bürgerrechte ein, morgen stellen wir Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder Religion unter Generalverdacht und übermorgen foltern wir jeden Verdächtigen in geheimen Gefängnissen…..

Natürlich ist es Aufgabe des Staates seine Bürger zu schützen, aber um welchen Preis, wie weit darf der Staat dabei gehen?

So lange es der gesellschaftliche Konsens ist, dass wir eine freie, aufgeklärte und demokratische Staatsform wünschen, muss es auch klar sein, dass es in einer solchen keine absolute Sicherheit vor Anschlägen geben kann, besonders dann nicht wenn man sich im Krieg mit einer Armee von Extremisten befindet, aber das ist der Preis der Freiheit.

Genau das wollte der IS: mit wenig Aufwand ein Maximum an Effekt, die Hauptstadt der EU ist paralysiert, narkotisiert, tot.

Was soll ich mich noch großartig ärgern, dass Bild finde ich toll. Ich will das im Wohnzimmer an der Wand in dem Laden.  

 

 

Menschen gewöhnen sich an Angst

Viele stellen sich nach den ganzen Anschlägen in den letzten Tagen bestimmt die Frage: „Warum haben wir eigentlich Angst?“

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Die Angst leitet uns jeden Tag elegant durchs Leben, morgens schon, wenn wir im Auto sitzen und aufpassen, dass wir nicht mit einem LKW der ähnlichem kollidieren. Wenn wir diese Angst nicht hätten, würden wir nicht lange Leben. Bei Ängsten, die wir kollektiv erleben, muss man unterscheiden zwischen individuellen Ängsten wie Panikstörungen oder sozialen Phobien und realen Ängsten vor zum Beispiel Naturkatastrophen oder der Inflation. Angstkrankheiten können die Menschen wirklich physisch krankmachen. Wenn man morgens in der Zeitung die Flüchtlingszahlen liest, runzelt man vielleicht die Stirn und macht sich sorgen. Das ist aber nicht zu vergleichen bei kollektiven Angststörungen.

In Deutschland sterben die meisten Menschen an Hitzewellen, da denkt keiner darüber nach. Eigentlich sind diese kollektiven Ängste wie die Angst vor Überfremdung unberechtigt. Bei diesen Ängsten gibt es eine Vier-Wochen-Regel: Nach vier Wochen wird nicht mehr darüber berichtet. Selbst nach Fukushima wurde danach nicht mehr berichtet, da war die Gefahr genauso schlimm wie unmittelbar nach der Katastrophe. Die Berichterstattung nimmt aber auch ab, weil die Angst sich gelegt hat. Menschen gewöhnen sich an Angstzustände. Letztendlich ist das Angstlevel von jemandem in einer Favela von São Paulo genauso hoch wie bei jemandem in Stockholm, auch wenn die realen Gefahren unterschiedlich sind.

Es gibt aber gewisse Urängste, haben eine spezielle Bedeutung. Gewisse Ängste – wie die Angst vor Spinnen – werden vererbt. Das erklärt, warum man vielerorts noch Angst vor Spinnen hat, obwohl es bzw. bei uns in Deutschland keine gefährliche Art mehr gibt. In unserem Gehirn gibt es ein vernünftiges intelligentes Gehirn und ein animalisches Angstgehirn, das uns vor Spinnen, Schlangen und Tigern warnt. Das ist so einfach, dass es nicht zwischen Tigern und Schmusekatzen unterscheiden kann. Deswegen sind Katzenphobien auf Tiger zurückzuführen. Dieses einfache Angstsystem, ich nenne es immer das Ministerium für absurde Angst, dass ist das System, dass sehr einfach gestrickt ist und Urängste hervorholt, die eigentlich hierorts nicht mehr notwendig sind. In anderen Regionen vielleicht schon. Alle diese Phobien gehen auf Ereignisse der Natur zurück. Wir werden nie erleben, dass es eine Steckdosen, Fettsäuren oder Zigarettenphobie gibt.

Die Angst als Warnmechanismus ist noch genauso vorhanden wie vor Jahrhunderten und in 95 Prozent der Fälle funktioniert das gut. Wenn wir vor großen Objekten ausweichen, klappt das wunderbar. Die Angst ist in den meisten Fällen sinnvoll, nur manchmal gibt es unangemessene Relikte aus der Urzeit.

Bei der Angst vor dem Fremden muss man reale Ängste und Urängste unterscheiden. Reale Ängste sind Ängste um Arbeitsplätze, höhere Mietpreise oder Kriminalität – diese kann man den Menschen nicht nehmen. Teilweise ist es auch eine Urangst. Wir als Menschen haben uns vor tausenden Jahren in Stämmen organisiert, weil wir so besser überleben können. Diese Stämme haben sich wegen der geringen Nahrungsmittelressourcen bekämpft. Es war damals ein Überlebensvorteil, jemanden anderen zu erschlagen. So hat sich die Xenophobie teilweise auch in unserem einfachem Angstsystem gehalten. Das erklärt, warum – wenn heute Angst geschürt wird – diese oft in Hass umschlägt. Wenn Flüchtlingsheime brennen, liegt das auch an der Urangst der Menschen. Da helfen auch keine sachlichen Erklärungen, unser Gehirn ist für absurde Angst nicht der Ansprechpartner für intellektuelle Gespräche. Das einfache Angstsystem, das auch für irrationale Ängste verantwortlich ist, handelt intelligenzunabhängig. Im Gegensatz zu dem Vernunftgehirn ist es durch Fakten auch nicht zu überzeugen.

Brennendes-Flüchtlingsheim

Auch haben wir heute nicht mehr Ängste als früher, es wird gern behauptet, dass Ängste zunehmen. In Wirklichkeit bleibt es immer gleich, nur das Reden über Ängste hat zugenommen. Über die Angst zu schreiben und zu lesen hat auch einen reinigenden Charakter. Das ist so ähnlich, wie wenn wir einen „Krimi“ schauen. Da wird zuerst Angst aufgebaut, und am Ende ist der Fall geklärt. Dann gibt es eine Endorphinausschüttung. Das ist der Grund, warum Leute gerne Krimis schauen, Achterbahn fahren oder in der Zeitung über schreckliche Dinge lesen. Zuerst wird Angst erzeugt, und dann stellt man fest, dass man nicht persönlich betroffen ist. Man bekämpft dadurch seine eigene Angst.

Stadt und Land in Angst

Wenn die Pariser Bevölkerung nicht mehr rebelliert, nicht mehr mit gereckten Fäusten demonstriert, dann stimmt etwas nicht mehr. Im Januar waren nach den Charlie-Hebdo-Anschlägen (17 Tote) vier Tage später allein in Paris weit über eine Million Menschen auf die Straße gegangen. Jetzt sind 130 Opfer zu beklagen und die Hauptstädter ducken sich vor dem nächsten Schlag, hängen noch wie groggy in den Ringen, pausieren. Auch Hemingways Leitspruch, Paris sei ein Fest, bittet um Auszeit.

Zusammenhalt

Meine Ehefrau, mit der ich seit über 30 Jahren verheiratet bin, deren Eltern Franzosen sind, erkenne ich in manchen Augenblicken nicht wieder, so sehr ist sie mit ihren Gedanken bei ihren Eltern, unseren gemeinsamen Verwandten und Freunden und dem was dort passiert ist.

Ja, diesmal hat es das Pariser Volk wirklich getroffen. Denn jetzt sind nicht vorgewarnte Satiriker, Juden oder Polizisten getroffen worden, sondern unbeteiligte Normalbürger, junge Konzertbesucher und Bistrobesucher, die eiskalt und methodisch niedergeschossen wurden, im Bataclan wie in einer Massenhinrichtung. Am vergangenen Wochenende war die Spannung in der Stadt so groß, dass die Passanten im Marais-Viertel wegen einer zerplatzten Birne in einem Bistro in panischem Schrecken davonrannten. Seither geht es Schlag auf Schlag.

Am Mittwoch konnten die Franzosen live die Kriegsszenen des Sturmangriffs auf eine Terroristenbude in Saint-Denis mitverfolgen. Am Freitag wurde das von der Air-France-Besatzung benützte Luxushotel Radisson in der französischen Ex-Kolonie Mali angegriffen (mindestens 21 Tote). Am Samstag war das frankophone Brüssel, nicht einmal eineinhalb TGV-Stunden von Paris entfernt, in höchster Alarmbereitschaft.

Die Angst hält Paris in ihren Klauen. Der Selbstmordanschlag war für Frankreich ein Novum, wie schon im Juni die Enthauptung eines Unternehmers bei Grenoble. Das kannte man bisher nur aus dem Fernen Osten. Premierminister Manuel Valls fragt sich gar öffentlich, ob die Terroristen bald chemische oder biologische Waffen einsetzen könnten. Zur Sicherheit trinken viele Franzosen kein Leitungswasser mehr.

Wie selbstverständlich, und in seltener politischer Einmütigkeit, hat das Parlament diese Woche den nationalen Ausnahmezustand bis im Februar verlängert. Die Folgen sind einschneidend. Salafisten und andere Radikalislamisten können nun mit Hausarrest belegt, ihre Papiere beschlagnahmt und ihre Computerspeicher kopiert werden. In mehr als hundert Fällen geschah dies offenbar schon; Genaues erfährt die Öffentlichkeit nicht. Sie stellt nur fest, dass hier eine Moschee geschlossen wird, dort ein Gebetsraum versiegelt. Seit Januar ist der Antiterrorplan Vigipirate bereits auf der höchsten Stufe (alpha rouge). Trotzdem scheinen die Dreierpatrouillen von Soldaten in Tarnanzügen und mit geschultertem Sturmgewehr in den Pariser Bahnhöfen noch zahlreicher geworden zu sein.

Pariser Soldaten

Man muss es sich vergegenwärtigen: Im Herzen des demokratischen Europa herrscht Ausnahmezustand, mit Polizeivollmachten, die nicht einmal mehr von der Justiz kontrolliert werden. Präsident François Hollande spricht ohne Unterlass von „Krieg“. Der Sozialist ist zweifellos der militaristischste und Bush-ähnlichste Präsident, den Frankreich in den letzten zwanzig Jahren gekannt hat.

Die Franzosen sind nicht revanchelüstern wie die Amerikaner nach „Nine Eleven“. Ihnen steht der Sinn nicht nach einem „Patriot Act“ à l’américaine; sie wollen weder Guantanamo, Waterboarding noch eine neue Irakkriegslüge, die alles nur noch verheerender machen würde. Der Ausnahmezustand setzt die demokratischen Mechanismen Frankreichs nicht außer Kraft, er sucht sie im Gegenteil abzusichern und zu retten gegenüber den jihadistischen Chaos-Verbreitern.

Das Arge daran ist eher, dass sich diese Terrorbruderschaften der Merahs, Kouachis und Abdeslams nicht allein sind. „Es gibt Tausende, die Frankreich hassen“, meint der Islamkenner Gilles Kepel. In der so genannten S-Fiche des französischen Geheimdienstes, in der 11 500 gefährliche oder gewaltbereite Personen figurieren, sind 4000 Radikalislamisten.

Hasna Ait Boulahcen

In der Fiche war nicht einmal Hasna Ait Boulahcen (Siehe oben), die Cousine des Pariser Chef-Attentäters. Sie war ein Partygirl, trank Alkohol, trug Jeans und die Haare offen, galt als leicht labil – und mutierte binnen wenigen Monaten zur Terroristin. Ein Nachbar erklärte den Journalisten lachend, nein, Hasna habe nie nur auch einen Buchstaben des Koran gelesen.

Das macht es nur noch schlimmer. Denn es bestätigt, dass es ein riesiges Reservoir aus Banlieue-Jugendlichen gibt, die sich über Nacht in brandgefährliche Jihadisten verwandeln können. Die über Nacht zuschlagen können. Frankreich wird sich dessen erst gerade bewusst. Das ist wohl der Hauptgrund für den zunehmenden Absatz von Beruhigungsmitteln.

Dann denke ich an die gemeinsamen Urlaube die ich mit meiner Ehefrau und meinen Kindern in Frankreich verbracht habe, wie wir gemeinsam in Paris vormittags in die Boulangerie ginen, um frisches Baguette zu kaufen, frühstückten und anschließend durchs Quartier Latin schlenderten oder einfach nur die Seine entlang.

Da frage ich mich, kommt das noch schlimmer und das nicht nur in Frankreich sondern überall in Europa und sehe gleichzeitig auch nur eine Lösung. Kein Geld und keine Waffe kann groß genug sein, um diese feigen verblendeten Anstifter dieser Terrorgruppen sowie sie selbst auszuschalten auch wenn ich jetzt wie Hollande klinge.